Ist das schön! Ein Duell England vs. Deutschland, und das Kriegsgeschrei bleibt (nahezu) aus. Selbst die Hetzer von "Bild" und "Sun" halten sich dieses Mal zurück und schreiben lieber über verletzungsbedingte Ausfälle und taktische Probleme als über nationale Stereotype. Als anglophiler Deutscher hat es mich immer unglaublich genervt, wie der Fußball die Leute blöd macht. Umso überraschter bin ich, in den letzten Tagen mehr von gegenseitigem Respekt und Gemeinsamkeiten zu hören und zu lesen. Hassliebe statt Hass, das ist doch schon mal was!
In dem Sinne: Hurry Up England! (Jaja, das Video von Sham 69 & The Special Assembly ist schon vier Jahre alt. In Ermangelung eines guten aktuellen WM-Songs habe ich es aber noch mal rausgekramt.)
Zugegeben, rein rechnerisch könnte es doch noch irgendwie schief gehen. Dann nämlich, wenn der Tabellenzweite Hampton & Richmond am kommenden Wochenende mit sieben Toren Abstand (oder so) gewinnt und der AFC Wimbledon sein letztes Heimspiel ähnlich haushoch verliert. Faktisch aber steht seit Samstag fest, dass der "Fan’s Club" AFC Wimbledon Meister der Blue Square South wird und in der kommenden Saison zum ersten Mal in einer landesweiten Liga spielt. Bei Youtube gibt es inzwischen übrigens einen AFC-Wimbledon-Channel, auf dem 10-minütige Zusammenfassungen aller AFC-Spiele gezeigt werden, zum Beispiel das aktuelle (und vorentscheidende) 1:1 gegen Hampton & Richmond:
Dass Nazis doof sind, ist bekannt, dass die Polizei es zuweilen auch ist, ebenfalls. Doofe Polizisten sind besonders dann ärgerlich, wenn wir schlaue bräuchten, um die doofen Nazis zu bekämpfen. Doof ist aber zum Beispiel die Liste mit Modelabels, die der Polizeipräsident von Berlin erstellt hat, nachdem bekannt geworden ist, dass vor ein paar Monaten ein Fahnder in der Montur des Nazi-Labels Thor Steinar herumgelaufen ist. So etwas in Zukunft zu unterbinden, ist ja gut und richtig. Aber warum um alles in der Welt dürfen die Polizisten in Zukunft nicht mehr Fred Perry, Ben Sherman und Lonsdale tragen? Anders als Thor Steinar erfreuen sich diese Labels doch auch unter Nicht-Nazis großer Beliebtheit und haben sich in der Vergangenheit immer wieder klar von den Rechten distanziert. Ist das jetzt Übers-Ziel-Hinausschießen? Oder wissen es die Cops einfach nicht besser?
Ihr denkt immer noch, das 1:5 von München im Jahr 2001 sei die höchste, gemeinste und historischste Niederlage der deutschen Mannschaft gegen die Engländer gewesen? Dann lest diesen amüsanten Artikel aus der Welt. Es geht immer noch schlimmer ;-)
Das ist doch mal schön: eine Zeitschrift voller Brit-Musik. Und eine wohlgeratene dazu! Fangen wir bei dem von mir ohnehin hoch geschätzten Frank Goosen an, der über seine Liebe zu den Beatles schreibt. Nehmen wir die witzige Idee, die "50 britischsten Songs der Musikgeschichte" aufzulisten. Erwähnen wir den Artikel über "England in den 80ern", der von Thatcher und dem Miners’ Strike erzählt (Brit-Blog berichtete). Außerdem schreibt Thees Uhlmann über Oasis, gefeatured werden Scouting For Girls, Paul Weller, Jarvis Cocker und viele andere Brit-Künstler. Das alles ist mit schönen Fotos versehen und überwiegend unterhaltsam geschrieben. (Ich könnte jetzt überkritisch sein und maulen über die ein oder andere sachliche Unsauberheit und thematische Fehl-Gewichtungen, aber warum eigentlich.) Das Sahnehäubchen ist die die beiliegende CD, auf denen die Futureheads, Maximo Park, Bloc Party, The Rakes und andere sehr gute Bands vertreten sind. Mit Ausnahme eines unveröffentlichten Stücks von Art Brut bietet die CD zwar nichts Neues, aber doch einen guten Überblick über aktuellen Britrock. Und dann ist das Ganze mit 7,50 wirklich nicht zu teuer. Kauftipp!
In England gibt es zurzeit viel zu lesen über den Bergarbeiterstreik von 1984, der sich gerade zum 25. Mal jährt. Bei diesem Streik ging es um viel mehr als nur um Kohle und Zechen. Gekämpft wurde um das Gesicht des zukünftigen Englands: sozial oder kapitalistisch? Kooperativ oder kolonial? Ich weiß noch, dass wir als Kinder Spielzeug für die Kinder der Streikenden gespendet haben, und was für ein tolles Gefühl das war. Weniger schön war es dann, die Niederlage der Miners mitansehen zu müssen. Die Folge war, dass Margaret Thatcher das erste neoliberale Regime Europas installieren konnte, was in den folgenden Jahren dann weltweite Nachahmung fand. Die Entmachtung der Gewerkschaften, die hemmungslosen Privatisierungen, das Von-der-Leine-Lassen der Spekulanten und Kapitalisten: All das hatte seinen Ursprung 1984, und die Rechnung für diese verheerende Politik bekommen wir in diesen Tagen präsentiert - zuzüglich der marktüblichen Zinsen, versteht sich. Was an Positivem bleibt, ist Musik: Billy Bragg, The Communards, Style Council, die Housemartins, The Smiths, Madness und viele andere kämpften damals gegen Thatcher. Spätestens heute wissen wir: Sie hatten Recht.
Den "Trend des Winters" hat die "Bild" entdeckt: Brit-Chic. Hübsch sind die Sachen, die dort vorgestellt werden, in der Tat. Aber was genau soll daran jetzt Trend sein? Ah, Kate Middleton trägt sie auch.
Briefmarken sind ja eigentlich das Uncoolste, was es gibt. Zumindest außerhalb Englands. Bei Royal Mail hingegen sitzen offensichtlich Designer mit Geschmack: Die vor ein paar Monaten erschienenen James-Bond-Briefmarken waren ja schon hübsch. Noch großartiger sind aber die demnächst erscheinenden Marken mit Motiven britischer Design-Klassiker: Gezeigt werden unter anderm der Minirock, die rote Telefonzelle, der Londoner U-Bahn-Plan und das Battle-of-Britain-Flugzeug Spitfire. Zu sehen sind die Motive schon jetzt auf der Website der Royal Mail und (größer) bei Retro-to-go. E-Mail, geh nach Hause!
Gestern bin ich nach Kingston gefahren, um mir ein Heimspiel des AFC Wimbledon anzuschauen. Seit Jahren verfolge ich die Entwicklung dieses einmaligen Vereins, der von engagierten Fans 2002 als unabhängige Alternative zum Proficlub FC Wimbledon gegründet wurde. Dessen Clubbosse hatten den FC damals an neue Eigentümer verschachert, die den Spielbetrieb aus kommerziellen Gründen kurzerhand ins 100 Kilometer entfernte Milton Keynes verlegten. Die ihres Clubs beraubten Anhänger wagten den Neubeginn und meldeten den AFC in der untersten britischen Liga an. Sie sorgten dafür, dass der Verein für alle Zeiten nur den Fans gehören wird und nicht erneut kommerziellen Interessen von Großeigentümern unterworfen werden kann. Inzwischen ist der AFC vier Mal aufgestiegen. Zwar spielt er immer noch nur in der sechsten Liga, aber wer weiß: Nach drei Spieltagen der neuen Saison steht der AFC nach drei Siegen schon wieder auf Platz 2. (Der alte FC Wimbledon ist inzwischen drei Mal abgestiegen und spielt inzwischen unter dem Namen MK Dons in der vierten Liga. Mal sehen, wann man sich wiedersieht.)
Das Stadion Kingesmeadow ist klein, aber schön: Gut in Schuss, überall überdacht, mit vielen Stehplätzen. Die Fans sind nur ein paar tausend, doch die Plätze sind gut gefüllt, die Stimmung ist enthusiastisch. Eine Tasse Tee kostet 80 Pence, die Mitarbeiter und Ordner sind freundlich. Vor dem Anpfiff kommt "Time for Action" von Secret Affair aus den Stadionboxen.
Die Qualität des Spiels ist überraschend gut. Und es ist spannend. Nachdem Bognor Regis Town kurz vor der Pause ausgeglichen hat, steht es bis kurz vor Schluss 1:1 - mit guten Chancen auf beiden Seiten. In der 88. Minute fällt dann endlich das 2:1 für den AFC, in der Nachspielzeit wird auf 3:1 erhöht.
Mit dem Gefühl, etwas Großartigem zugesehen zu haben, das keineswegs langweiliger war als ein teures Bundesliga- oder Premier-League-Spiel, mache ich mich auf den Heimweg. Sollen die da oben doch ihre Stadionnamen verschachern, sollen sie doch Hunderte Euro Eintritt verlangen, sollen sie doch ihre Clubs irgendwelchen Öl-Milliardären zur Belustigung überlassen: Elf gegen elf über 90 Minuten, Fans, Spannung, Abwehrschlachten, Last-Minute-Tore wird es weiterhin geben, dann eben ein paar Ligen tiefer.
Es ist ein Bisschen wie mit der Musikindustrie: Mainstreamkacke, Stadionrock, Castingshows, Klingelton-Abos hindern uns ja auch nicht daran, eine Alternativkultur zu pflegen. Im Gegenteil: Musik, Fans, Clubs, Bands wird es auch jenseits großer kommerzieller Interessen weiterhin geben. Hah!
Scott Carson? Wer ist das? Muss man den kennen?
Die Antwort ist: nein. Ich erklär’s trotzdem: Scott Carson ist der Mann, der am Mittwoch im Wembley-Stadion als Torhüter der englischen Nationalmannschaft drei Tore kassiert hat. Bei mindestens einem davon sah er überhaupt nicht gut aus. Dazu muss man wissen: Hätten die Engländer ein Tor weniger kassiert, hätten sie sich für die EM 2008 qualifiziert.
Hätten.
Nun muss Carson also in England bleiben und der Rest der Mannschaft auch. Und die WAGs, die Wives & Girlfriends. Und David Beckham. Und Prinz Harry. Und es wird keine tätowierten Fan-Horden vor malerischer Alpen-Kulisse geben.
Und keinen englischen EM-Song. Und keine "People’s Anthem" wie bei der WM. Scheiße.
Aber England ist nicht nur das Mutterland von Fußball und Pop-Musik, sondern auch der Fairness. Und das bedeutet: Auch in der schwärzesten Stunde steht man dem Verlierer zur Seite. Die Kaiser Chiefs haben Scott Carson in ihrem Blog jedenfalls eine Art "Kopf hoch, Alter" zugeworfen.
Brit-Blog schließt sich zähneknirschend an. Die anderen 10 Spieler waren schließlich auch scheiße.